Back to the roots in Masuren

Revierbericht eines Segeltörns durch die Masurische Seenplatte auf  zwei Jolllenkreuzern mit 6,80m, genannt Flottille. Organisiert von Zusannna, auch  als FA (Flottenadmiralin) bezeichnet. 

Freitag, den 21.06.2002

Bei Jargo und Mooriella (siehe Revierbericht Neuseeland) klingelt um 6:12 im Zelt das Handy. Nach 24h Fahrt mit dem Zug, Bus und einem von der Bahn bezahlten Taxi, ist die restliche Crew in Mikolajki eingetroffen. Beim Vercharterer  Cicha Zatoka war FA zunächst unbekannt und Zusanna wunderte sich warum sie zwei Adressen notiert hatte. Die Anzahlung war bei einer anderen Firma gelandet. Das Ganze wurde auf polnische Art gelöst, indem alles bar ausgezahlt wurde und wir hatten unsereJollenkreuzer. Der Eincheck erfolgte durch die Anweisung: schaut Euch die Boote an und wenn ihr Fragen habt meldet Euch (Viertelfinale D-USA zur Halbzeit 1:0). Die evtl. zu erklärenden technischen und sanitären Anlagen bestanden aus: Gasflasche und Gasherd, ein Lichtschalter und Batterie, 4 5-Literflaschen Wasser mit Schlauch und Fußpumpe zum Spülbecken, ein 4PS Außenborder 2-Takter. Ausführlich erklärt wurde die Mastlegevorrichtung. Die einer Kühlung bedürftigen Produkte, vorab im Max Duett in Mragowo gekauft, sahen  einer Reise mit 30°C im Schatten entgegen. Das Problem einer verstopften Toilette konnte auch von vornherein ausgeschlossen werden. Da die „Zugfahrer“ ziemlich platt waren bummelten wir durch Mikolajki, gutes Abendessen im Restaurant Bella.

          
Mikolaiki                                   Petra, FA und Jargo essen Waffeln 

Samstag den 27.06.2002

Espresso um 7Uhr Dank Patric bei uns an Bord. Boot 608 (unseres 609) mit FA entpuppt sich als Langschläferboot. Wir besorgten Brötchen, Boot 608 machte derweil Kaffee Polnisch (ein Löffel Kaffeepulver in die Tasse, mit heißem Wasser übergießen). Beim Briefing bei FA an Bord wurde der Jezioro (See) Seksty, bei Wind aus NW, als Ziel bestimmt und FA sollte auf raumem Kurs vorraussegeln. Da es sich herausstellte, dass FA nur zum setzen der Fock bereit war, mussten wir sie unter Vollzeug umkreiseln. Vor der Einfahrt in den J. Sniardwy rollten wir unser Groß ein, da dieser sehr flach ist und viele Untiefen hat, die ein Kreiseln unmöglich machten. Doch FA erschwerte uns das hinterherfahren, indem sie ihren Außenborder im Wasser ließ und so segelten wir entlang der Tonnen voraus. So kamen wir als Erste im J. Seksty an und suchten nach einer Anlegemöglichkeit. Von weitem sah man bei Zdory Dickschiffe liegen und so fuhren wir in diese Richtung, in der Hoffnung auf Anlegesteg mit sanitären Anlagen und Restaurant. Bei seitlichem Wind trieben wir prompt in den Schilfgürtel und als unter Außenborder kein Weiterkommen war akzeptierten wir dass wir festsaßen. Also Kiel und Ruder hoch und zurück. Da am Steg kein Platz für zwei Schiffe war, gaben wir FA Bescheid und segelten ihr unter kreiseln hinterher. Im J. Kaczerajno fuhr sie unter Außenborder, um einen Anlegeplatz zu suchen, während wir endlos nur unter Fock ankreuzten. Den durch Petras Handtuch am Vorstag gekennzeichneten Ankerplatz erreichten wir mit Hilfe von 2 Paddeln. Mangels Infrastruktur kochte Chefkoch Patric sitzend, Schnaken fangen war das anschließende kulturelle Programm. 

  

Sonntag, den 23.6.2002

Morgens ausgiebige Hygiene im See, anschließend setzte ein Landregen ein. Mittags hörte der Regen auf und der Wind frischte kräftig auf. Das Wasser schäumte und wurde türkis. FA und Patric unternahmen immer wieder Versuche auszulaufen, doch beim Berühren des Palsteks der Heckleine waren starke Böen die Antwort der Masuren, und so reduzierten wir unsere Vorräte.

 Montag, den 24.06.2002

Da unsere Vorräte kein Gourmetfrühstück mehr zuließen, liefen wir um 8Uhr bei sonnigen 3-4Bft. aus NW aus. Bei stark böigem Wind kreuzten wir mit durchhängendem Magen  hart am Wind Mikolajki entgegen. FA die erst ihr Groß klarieren musste verschwand aus unserem Blickfeld. Doch sie kamen kurz nach uns unter Motor an. Wie später Augenzeugen berichteten, waren sie beim Durchkreuzen des Brumka Sekstenska  aufgelaufen. Als FA vorschlug wegen der roten Tonne ein Wende zu machen, lehnte Hubert dieses wegen mangelnder Fahrt ab. Doch als Hubert ausstieg um das Boot freizuschieben wurden seine Shorts nicht nass. Um uns nicht warten zu lassen motorten sie und verpassten so einen genialen Segeltag. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Cafe Mocca, bei dem die Bedienung ins schwitzen kam, Ergänzen der Vorräte und 608 auch Sprit, legten wir unseren Mast und fuhren unter Motor gen Norden. Nach den 3 Brücken von Mikolajki im J. Talty waren die kreuzenden Yachten genauso schnell wie wir, doch wir bogen nach ca. 8km in die Kanäle zum J.  Jagodne ab. Dort folgen wir FA wenige Meter südlich zum Steg von Jerzy Motala mit Toiletten, Grillplatz und Bar mit Duschen daneben. Beim Aufstellen des Mastes bricht unter der Hand von Mooriella die Hebevorrichtung, die jedoch offensichtlich schon einmal wieder „repariert“ war. Jerzy nimmt sie mit, mit dem Versprechen sie zu reparieren. Der Tag endet mit Essen am Lagerfeuer.


Steg von Jerzy

Dienstag, den 25.06.2002

Nach einem fürstlichen Frühstück bei Jerzy inkl. der kostenlosen Reparatur der Mastlegevorrichtung, segelten wir wieder mit Wind auf Schnauze nach Norden. Am oberen Ende  legten wir schon mit recht viel Routine den Mast und stellten ihn im J. Boczne wieder auf. Ein Blick in die Karte: Im J. Niegocin weiter oben eine Untiefe, sonst freie Fahrt. Leicht irritiert bemerkten wir rote Tonnen und steuerbord davon sehr, sehr langsame Segler mit prall gefülltem Vollzeug drauf. Unser FA, uns etwas voraus winkte und schrie, da steckten wir schon fest und der Wind drückte uns beim Heben von Schwert und Ruder weiter auf die Untiefe. Erst versuchen wir uns mit den Paddeln freizustaken, doch schließlich nahm sich Mooriella ein Herz und schob die Yacht durch das hüfthohe Wasser – Segel dicht und weiter ging die Fahrt. Unterwegs überholten wir FA, die auf uns wartend nur mit gerefftem Groß segelte. Weiter nach Gizyko, dort riß beim Segel bergen noch die morsche Dirk unter Mooriellas zarten Händen, liefen wir in den kleinen Yachthafen, rechts vom Kanal, ein. Die Hafengebühr von 16zt für beide Yachten schonte unsere Bordkasse. Im Segelladen direkt am Kanal Niegocinski kauften wir noch eine neue Dirk. 

       

Mittwoch, den 26.06.2002

Morgens kam noch etwas Hektik auf, bei dem Hinweis von Hubert, dass demnächst die Drehbrücke im Kanal öffnete. Also Auslaufen, im Kanal längsseits fest, Mast legen und neue Dirk einfädeln. Nachdem wir die Drehbrücke passiert hatten winkte uns die Polizei zu Wasser noch an den Rand. Sie wollten die Papiere sehen und entließen uns dann. Mittlerweile fing die auf 608 herangekommene FA einen Flirt mit den Beamten an und während wir in sehr langsamer Fahrt dümpelnd warteten, erfasste uns ein Seitenwind. Patric an der Pinne, in seiner Sicht durch Mast und Wanten behindert, reagierte nicht gleich. Jargo drückte von Bord aus das Heck ab, doch Mooriella blieb beim an Land springen mit dem Fuß an der Reling hängen, konnte jedoch liegend mit den Beinen den Bug abdrücken. Als FA den Flirt beendete, konnte es weiter gehen. Im J. Kisajno den Mast gestellt ging es weiter nach Norden mit vielen Schlägen und gerefftem Groß.  Einige vorausfahrende Yachten wiesen uns den Weg zum kurzen Kanal der in den J. Sztynorckie führt, wo uns zu unserer Überraschung eine große Steganlage mit tollen sanitären Anlagen erwartete. 24zt war der Preis für unsere 2 Schiffe, duschen ging extra. Es gab einen Lebensmittelladen, Segelbedarf, Restaurant und einen Fischimbiss, der sehr zu empfehlen ist. Der Gutshof des Grafen Lehndorff hatte einen sehr morbiden Charme, beeindruckte mit seinen alten Eichen trotzdem.

Donnerstag,den27.06.2002

Wir kamen wegen ausgiebigem Frühstücken und Sightseeing erst um 11Uhr los. Die Vorhersage per SMS sagte S-SW 3-4 und eine Front, die nur Regen bringe voraus. Als wir in den J.  Niegocinski durch den Kanal kommen erwartet uns der See mit weißen Schaumkronen. Da unser Ziel der Steg von Jerzy ist: wieder kreuzen. Doch dieses Mal sind es lange Böen mit weißen Schlieren und brechenden Schaumkronen und kurze Fläutchen. Doch mit flexibler Großschot, gerefftem Groß und dem Ausnützen aller Ballaste mit Füßen waren die Böen gut abzureiten. Im Süden des Sees wurde es etwas ruhiger. So kam Gizyko in Sicht – Mast legen – durch den Kanal, die Drehbrücke hatte gerade offen. Danach ein Blick auf den J. Niegocin der weiß schäumte und brodelte. Also machen wir noch im Kanal fest. Durch den Südwind drückt der Schwell herein, so wird das Mast stellen zu einer wackeligen Angelegenheit. FA kam vorbei und sagte sie wolle eine halbe Stunde Pause im Hafen machen. Uns machte der Wind erst ein wenig bange, doch er war weniger böig. Da wir unter Groß nur wenig Fahrt machten, setzen wir wieder die Fock und so geht es wieder ans Kreuzen. Doch Gizyko wird schnell kleiner und am südlichen Ende des Sees wird der Wind, wie schon vorher, wieder schwächer. Im J. Boczne ist der See ruhig und wir kreuzen mit einer anderen Yacht um die Wette. Währendessen kommt eine sehr schwarze Wolke näher. Da wir eh den Mast legen müssen bergen wir die Segel. Erst wollen wir noch den Mast legen doch Jargo meinte wir sollten doch gleich an Land festmachen, da grelle Blitze durch die Wolke zuckten. Also Anker und Vorleine klar, Schwert hoch, Ruder lose damit es beim Auflaufen nachgibt. Wir laufen mit dem Bug etwas im  Sand auf, Vorleine fest, Anker dicht und schon fielen die ersten Tropfen. Also verkrochen wir uns nach unten. Dann ging draußen die Welt unter. Unter Blaulicht preschten draußen zwei „DLRG“-Boote vorbei. Nachher erfahren wir, dass 10 Yachten gekentert sind, eine davon untergegangen. Tote gab es jedoch nicht. Laut Jerzy gibt es wohl 2-3 mal im Sommer so ein Unwetter. Nach 10 Minuten ist der ganze Spuk vorbei und so legten wir den Mast und motorten im Regen zu Jerzys Steg der uns mit Bigos, Schnitzel und Pommes satt kriegte. Der Abend endete mit einem Regebogen und einigen Bieren zuviel.

 

Freitag, den 28.06.2002

Morgens um 8:15 Uhr klingelte Mooriellas Handy, Hubert am Apparat: Ob es denn noch Platz am Steg gebe. Also raus aus der Koje, Vorleine umlegen und beim Anlegen helfen. Da am Vortag im Hafen von Gizyko beim Sturm das Chaos durch nicht haltende Anker und Anderes ausbrach, waren sie nach dem Sturm zum Schwarzen Schwan in Rydzewo motort, wo sie sich ein exclusives Abendessen geleistet hatten.  Um 4Uhr hatte Hubert Petra geweckt und war ausgelaufen. FA erschien zum Sonnenaufgang, verschwand danach jedoch wieder in ihrer Koje. Also frühstückten wir zusammen bei Jerzy, später erschien auch FA. 608 legte noch den Mast, danach ab und wir folgten unter Motor durch die Kanäle zum J. Talty. Nach der letzten elektrischen Oberleitung stellten wir im Kanal den Mast und schlugen auch die Segel an. Das Groß ließen wir im Reff um endlich zuguterletzt hinter FA zu bleiben, wie es sich gehört. Doch beim Kreuzen bei schwacher Brise hatten wir wieder mehr „Glück“ und so verloren wir sie bei einem erneuten Regenguss, mit zwei kräftigen Böen die unser Reff rechtfertigten, aus den Augen. Bei FA wurde wegen der schwarzen Wolke gemeutert (Hubert) und im Regen Anker geworfen zur Kaffeepause. Mikolajki in Sicht.  Also ein letztes Mal Mast legen und stellen und beim Anfahren des Stegs die letzte Untiefe ausnützen und auflaufen. Gregor der Bootsmann empfing uns mit Erleichterung, dass wir dem Sturm ohne Schaden entronnen waren. Die Dirk bezahlt er jedoch nicht, da er die morsche Alte noch einmal zusammennähen will.

Allgemeine Infos:

Karten: Jeziora Mazurskie von ExpressMap Polska Sp. Z o. o. ISBN83-88112-05-8

In Plastik eingeschweißte Faltkarte, sehr robust. Untiefe im J. Boczne nicht vermerkt

Touristenkarte 2-teilig von Polskie  Przedsiebiorstwo ISBN9-788370-003869 in Berlin in Peak, Spreebögen aufgetrieben.

Kartenmaterial war nicht an Bord

Unentbehrliches: Wasserfeste Sandalen oder Schuhe, Mückenabwehr, Antiphlogistikum z.B. Malipuran zum behandeln von Mückenstichen, Segelhandschuhe, Shorts evtl. Abzippbare Hosenbeine, Ölzeug, scharfes Küchenmesser, Wäscheklammern, Geschirrtücher, Tampen, Kaffekanne „Bodrum“.

Land und Leute: Polen sprechen öfters deutsch, jüngere englisch – sind sehr freundlich und hilfsbereit. In größeren Supermärkten gibt es beinahe alles von polnischen Gummibärchen bis vakuumverpackte vorgewürzte Grillsteaks. In Mikolajki gibt es auch Segelbekleidung im Sportgeschäft.

Revier: Da wir ständig ankreuzen mussten reichte uns die eine Woche nicht alles zu sehen. Das Wetter wechselt ständig, auf Regen folgt meist noch am gleichen Tag die Sonne. Die Gewässer sind zum Teil betonnt, wobei die Tonnen manchmal direkt neben der Untiefe liegen, jedoch nicht immer und nicht in der Karte eingezeichnet sind.

Die Ausstattung: Segeln ist gut möglich, wenn auch teilweise improvisiert werden muss. Überflüssiges ist jedoch garantiert nicht an Bord. Unsere Yacht vermittelte uns das Gefühl und Bizeps, eine Jolle zu segeln.

Vercharterer: