18.11.2005

Die beiden letzten Tage waren der Wahnsinn. Achterbahn der Gefühle weil Dirk von Madeira aus erst alles ab- und eine Stunde später wieder zugesagt hatte, Anreise nach Teneriffa am Mittwoch, Finden einer Übernachtungsmöglichkeit auf Donnerstag, dann Übernahme der Yacht in Los Gigantes, Einkaufsorgie in diversen Supermärkten, viele letzte Besorgungen gefolgt von vielen allerletzten, Ausklarieren in Los Christianos, Transfer der Vorgängercrew zum Flughafen, Verstauen der Lebensmittel und Getränke in die vielen Stauräume der Yacht, Wassser und Diesel bunkern, und was sonst noch so ansteht. Am Donnerstag abend sind wir alle ziemlich groggy aber zufrieden und heute am Freitag ist es endlich soweit. Nachdem alles gecheckt und gegengecheckt wurde, die Mannschaft eine ausführliche Sicherheitseinweisung bekommen hat, Notrollen und Wachpläne ausgehängt wurden, lösen wir um 11.40 Uhr Ortszeit Mooring- und Achterleinen und fahren vorsichtig aus dem Hafen, vorbei an diversen Touristenpiratenschiffen. Viele Hafenbesucher schauen uns zu und wir schauen auf das Echolot, denn tief ist der Hafen nicht gerade. Der Atlantik empfängt uns gnädig. 2 Beaufort, wenig Welle, wir haben 310 Betriebsstunden auf der Maschine. Kurs 223° . Um 13.00 Uhr setzen wir mal testweise den Blister aber der Wind ist einfach zu schwach und wir bergen ihn bald wieder. Kurs 180° 2-3 Knoten Fahrt und Groß und Genua. Später sehen wir eine Gruppe Pilotwale die sich ständig zwischen Teneriffa und Gomera aufhält. Die Nacht ist ruhig, die Wachwechsel klappen von Beginn an gut.

20.11.2005

Um 8.00 Uhr habe ich eine Goldmakrele gefangen. Sie wird uns am Abend gut schmecken. Von Westen laufen langezogene 3m hohe Wellen unter der Yacht durch, was nicht unangenehm ist. Wir lassen die Maschine 3x1 Stunde am Tag mit 800 Umdrehungen laufen um die Batterien zu laden. Damit speisen wir einen Kühlschrank der 24h durchläuft, den GPS Kartenplotter, Lampen und während der Nacht die Positionslichter und das Radar. Ich habe mich entschieden in der Nacht statt der Zweifarbenlaterne und dem Hecklicht nur das Rundumlicht im Mast zu benutzen. Erstens spart das Strom und zweitens ist es durch die Höhe viel weiter sichtbar. Am Abend werden wir von einer Gruppe Delphine eine ganze Weile begleitet. Der Wind ist leider recht schwach, wir machen keine gute Fahrt.

21.11.2005

Am Nachmittag kommt eine Segelyacht achteraus auf, die wir schon letzte Nacht gesehen haben. Über Funk warne ich vor unserer Angelleine, die wir sehr weit hinter uns herziehen. Es ist ein Holländer der auf dem Weg zu den Kapverden ist. Über Funk hören wir das erste Mal von dem tropischen Tief 'Delta' das mit 8 Bft und 8m hohen Wellen im Zentrum gemeldet wird. Bei uns ist noch alles ruhig. Wir haben zwei Meeresschildkröten gesehen.

23.11.2005

Christian wurde zweimal von Seevögeln gerammt, was den Vögeln scheinbar mehr ausmachte als ihm. Lag vielleicht daran das wir zwischendurch doch mal wieder mit Hecklicht fuhren und die Vögel durch das Licht angezogen wurden. Jetzt lassen wir das Hecklicht aus und haben keine Rammings mit Vögeln mehr. Das Meeresleuchten im Kielwasser ist beeindruckend. Wie 1000 Sterne die im Wasser wirbeln und auch die Schaumkronen der Wellen leuchten schwach in der Dunkelheit. Immer wieder bekommen wir es mit Gewitterzellen, Regenschauern und Böenkragen zu tun. Der Wind dreht dabei oft schlagartig, wird stärker oder schläft ein. Sehr tricky alles. Man muss immer auf dem Sprung sein um rechtzeitig zu reffen. Wir laufen jetzt Westkurs, der Wind hat auf 6-7 Bft zugelegt der Luftdruck ist ordentlich gestiegen, am Horizont umfaufend Wetterleuchten.

 

25.11.2005

Wir ackern uns mit Am-Wind-Kursen vorwärts. Nasse Sache das so ohne Sprayhood aber wir kennen das ja von der Ostsee - nur kälter. Windrichtung und -stärke ändert sich regelmäßig, wir reffen ein und aus und ein und aus. Keiner trinkt Bier, der Hunger ist auch eher mäßig. Wir warten und hoffen auf den Passat und halten Kurs WSW, so es der Wind zuläßt. In der Nacht wird es unruhig. Die Yacht kämpft sich durch Kreuzseen. Um 22.15 Uhr erzittert das ganze Schiff durch den harten Einschlag einer See. Tommy, unser Wachführer dachte zuerst wir hätten einen Wal gerammt. Zu sehen ist am Rumpf nichts.

26.11.2005

'Delta' kommt. Der Luftdruck fällt dramatisch von 1014 HPa um 9.00 Uhr auf 1007 HPa um 14.00 Uhr. das sind 7 HPa in 5 Stunden und das auf einer Breite von 21°N . Laut Lehrbuch sind hier 3HPa innerhalb von 24 Stunden Hurricaneverdächtig. Mir macht außerdem die hohe Wassertemperatur Sorgen. Ab 27°C besteht Hurricanegefahr. Das Bordthermometer zeigt 29-30°C an. Wir machen die Yacht sturmklar. Alles losen Gegenstände werden verräumt und verzurrt. Das Bimini wird festgezurrt und mehrfach gesichert. Thias kocht zwei Kannen Schwarztee und macht belegte Brote, denn die Crew muß handlungsfähig bleiben wenn der Sturm länger andauert und deshalb rechtzeitig essen. Wir gehen alle Sicherheitsfragen nochmal durch. Notrolle, Rettungsmittel, Lenzeinrichtungen, EPIRB-Boje, usw . Ich schaue genau in jedes Gesicht und bin beruhigt. Keine Panik, keine Hektik sondern besorgte aber besonnene Mienen. Ich gratuliere mir zu dieser Crew und hoffe das Vertrauen das die Jungs in mich setzen zu rechtfertigen. Der nächtliche Wachplan wird geändert. Ich werde mich alle zwei Stunden mit Tommy, dem Co-Skipper abwechseln, die anderen haben 2 Stunden Wache und 4 Stunden wachfrei. Bereits am Mittag schicke ich einen Teil der Crew in die Kojen zum vorschlafen. Am Abend geht die Sonne mit einer fulminanten Farbenorgie am Himmel unter. Die Crew freut sich über das Naturspektakel. Ich freue mich nicht, denn das ist ein Hurricanehimmel aber ich behalte es für mich und will die Mannschaft nicht weiter beunruhigen. Der Tanz kann beginnen, wir sind bereit. Stündlich notieren wir den Luftdruck, er fällt zum Glück nicht weiter aber der Wind nimmt stetig zu und jault bereits hörbar im Rigg. Wir reffen die Segel bis auf eine 'Taschentuch' und pellen uns ins Ölzeug. Es wird Nacht. Die Welle wird höher und ist unangenehm kurz. Das flache Unterwasserschiff kracht hörbar in die Wellentäler, der Baum pendelt heftig nach, ich mache mir Sorgen um das Rigg. Tommy äußert beim Wachwechsel Bedenken hinsichtlich der Belastungen für den Rumpf aber darüber mache ich mir keine Sorgen. Solange der Mast oben bleibt ist für mich die Welt in Ordnung. Der Wind hat auf 8 Bft zugelegt, die Geräuschkulisse ist entsprechend. Wir fahren in völliger Dunkelheit Achterbahn. Sehen kann man nichts, ich schätze die Wellen auf 6m. So geht das dann den Rest der Nacht. Mit abgespreizten Armen und Beinen kann man sogar ein wenig in der Koje schlafen. Ich finds gut das die Luken dicht sind und ich es trocken habe und sobald man liegt läuft man auch nicht mehr Gefahr sich die Rübe irgendwo einzurennen oder vom Klo katapultiert zu werden. Als es hell wird ist alles unverändert nur das man die aufgewühlte See jetzt auch sehen kann. Macht echt was her, nur die Albatrosse bleiben cool. Bis zum Abend hält uns 'Delta' in Atem aber der Wind läßt langsam nach und der Luftdruck steigt auch wieder an.

29.11.2005

Sicht- und Funkkontakt mit dem Tanker 'Ocean Quest'. Sehr freundlicher Seemann dort, der uns einen aktuellen Wetterbericht gibt. Im Vorschiff riecht es merkwürdig. Thias und Christian entdecken, das durch die Sturmfahrt mehrere Tetrapacks Milch und Saft geplatzt sind. Schöne Sauerei. Wir waschen alles ab und bald ist die Libertas wieder rein und sauber. Vom Passat nix zu sehen.

30.11.2005

Bergfest. Um 1.00 Uhr queren wir den Längengrad 40°W. Ich hole mir eine Pütz Wasser und fülle mir eine große Flasche damit ab. Zuhause werde ich damit einige kleine Fläschchen füllen und als Andenken behalten. Nach langer Zeit mit Winden aus dem südlichen Quadranten haben wir jetzt ENE Wind mit 3-4 Bft.

2.12.2005

Nach nächtlicher Rauschefahrt trifft uns die Flaute. Nix geht mehr. Wir laufen unter Maschine 4 Knoten und hoffen auf Wind.

4.12.2005

Die letzten Tage und Nächte waren sehr ruhig. Die Maschine läuft Tag und Nacht und damit auch der Autopilot. Wir gehen Nachts nur Bereitschaftswache mit einem Mann unter Deck, der Radarwache geht und ab und an den Kopf raushält. Das bedeutet deutlich mehr Nachtruhe für alle. Um 16.00 passierte uns die Yacht 'Midnight' unter Maschine 30m Stb. Ich vermute die waren neugierig wer wir wohl sind. Die Libertas machte unter Blister etwa 6 Knoten Fahrt. Später nimmt der Wind wieder zu. Wir hatten uns gerade Würstchen heiß gemacht und uns am Cockpittisch niedergelassen als die Yacht querzuschlagen droht, weil zuviel Druck auf dem Blister ist. Zwischen dem ersten und dem zweiten Würstchen holen wir die bunte Blase rein. Das geht recht zügig und der Co-Skipper registriert zurück zu Tisch hocherfreut eine spürbare Restwärme in Würstchen Nr.2.

6.12.2005

Nachdem wir lange keine Passat hatten kriegen wir jetzt mehr als wir wollten. Mit 6-7 Bft bläst es von achtern und wir rauschen mit 8-10 Knoten dahin. Ist allerdings eine ziemliche Schaukelei aber bei solch einer Fahrt beschwert sich niemand darüber. Tommy hält den Speedrekord mit 11,8 Knoten über Grund.

8.12.2005

Zitat aus dem Logbuch: Nach wie vor bläst der Passat sehr kräftig mit entsprechendem Seegang. Leider ist das Bordleben dadurch ein wenig eingeschränkt, da man im wesentlichen damit beschäftigt ist sich festzuhalten.

9.12.2005

Der kräftige Passat wächst sich aus zum 8 Beaufort Hardcore-Passat. Die Yacht droht querzuschlagen und wir verkleinern nochmals das Groß, was keineswegs den Speed verringert. Weiterhin laufen wir mit 8 Knoten vor dem Wind. Vor meinem geistigen Auge sehe ich uns bei 8 Beaufort Seitenwind in den Hafen einlaufen. Es sind noch 130sm bis St.Martin. Wir werden pünktlich ankommen und wohl wie geplant unsere Flüge bekommen. Nachdem ich diesen Satz gesagt habe beginnt die große Sortier- , Pack- und Wegwerforgie.

10.12.2005

Um 5.00 Uhr morgens legen wir noch bei Dunkelheit in St.Martin, Port Lonvilliers an. Danach reduzieren wir unsere Sekt-, Whiskey- und Biervorräte und freuen uns wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Wir haben es getan, wir haben es geschafft, wir sind tatsächlich über den Atlantischen Ozean gefahren und sind heil angekommen. Keine nennenswerten Verluste sind zu beklagen, der Medizinkoffer wurde lediglich um zwei Pflaster und einige Super-Pep Kaugummis erleichtert. Es gab keinen Streit und Hunger und Durst mußten wir auch nicht leiden. Ich gebe zu, ich bin bewegt und brauche ein paar Minuten für mich allein. Langsam wird es heller und das Grün des angrenzenden Mangrovenwaldes ist irgendwie grüner als alles Grün was ich vorher gesehen habe.

Der weitere Tag birgt einges an Arbeit für uns. Die Übergabe der Yacht an die Charterfirma Bestsail verläuft zwar problemlos, dauert aber seine Zeit. Als für zur Inspektion die Genua ausrollen, reißt das Fall und der Mann mit dem Übernahmeprotokoll in der Hand wird von einem Berg Segeltuch begraben. Na wenn das einen Tag früher passiert wäre. Mit einem großen Taxi fahren wir nach Marigot und klarieren ein. Völlig problemlos und kostet nix. Danach haben wir drei Stunden Zeit uns die Stadt anzuschauen und etwas zu essen. Nach drei Wochen auf See bin ich zuerst mit den Eindrücken völlig überfordert. Mein an Weite und Ruhe gewöhntes Hirn läuft noch nicht im richtigen Tempo mit. St.Martin ist auf jeden Fall eine muntere Insel auf der mächtig was los ist. Auf dem Markt kaufen wir schnell noch ein paar Mitbringsel für zuhause, dann geht es schon zum Flughafen. Der ist völlig überfüllt, die freundlichen Mädels am Counter sind leider eher planlos und wir bekommen mehrmach falsche Tickets ausgestellt, unser Gepäck droht in die falsche Richtung geschickt zu werden und am Ende wird dann doch alles gut. Der Rückflug verläuft unspektakulär und alle freuen sich auf ihre Familien, Weihnachtskekse und vielleicht etwas Schnee.